Text und Titelbild: Tobias Stepinski
«Wer war dein bester Grillpartner?», fragte Nicolas Luginbühl in seinem Porträt an Lisa Litschi gerichtet. Ein paar Wochen später überlegt sie und antwortet etwas verdutzt: «Oh, am Grill stand ich sehr selten, ich war meist nur Mitgeniesserin.» Grilliert habe sie zuletzt in der Pfadi, im Wald, vor Jahrzehnten.
Erst als der Hinweis kommt, dass sie einmal mit Nicolas am Grill stand, erinnert sie sich. Damals, als Bruno Gmünder vom Kafi Usglich krank war und die beiden einspringen mussten. Gut harmoniert hätten sie – aber: «Moment. Er war der Grillmeister, ich habe lediglich Pommes gemacht.»
So ist Lisa Litschi eben. Sich selber nicht gross aufspielen, obwohl sie es könnte.
Wegen René auf die Allmend
Auf die Allmend kam sie über ihren Mann, die Red-Star-Legende René Litschi. Ihn kannte hier jeder: Er trainierte Junioren, und seine Familie war durch und durch Red Star – Vater, Onkel, alle waren sie einmal beim FC. Seit 1987 ist Lisa regelmässig auf der Allmend. Eine Funktion hatte sie damals nicht. «Ich war einfach hier und habe ein bisschen zugeschaut.»
Gefallen hat ihr der Club von Anfang an: «Familiär, viele Zuschauer, spürbarer Zusammenhalt». Und dazu kamen die Farben. «Ach, dieses Grün-Weiss hat mir immer schon sehr gefallen. Und der rote Stern ist ein cooles Symbol», sagt Lisa. Heute sei ihr der Stern ins Herz eingebrannt.
1998 übernahm sie dann die Junioren – als Trainerin und für den Spielbetrieb. 25 Jahre lang sollte sie während der Trainings auf dem Platz und während der Matches an der Seitenlinie stehen. «Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich das so lange mit Freude mache.»
Libero à la Franz Beckenbauer
Doch bevor die Junioren kamen, stand sie selber jahrelang auf dem Rasen. Das ist eigentlich eine Untertreibung, denn Lisa Litschi hat die Geschichte des Schweizer Frauenfussballs mitgeschrieben. «Zurückblickend kann man sagen, wir waren eigentlich Pionierinnen im Schweizer Fussball. Aber ich will das auch nicht zu gross machen», sagt sie in typischer Lisa-Manier.
Angefangen hat es mit Grümpelturnieren beim FC Embrach, wo ihr Vater Mitbegründer war. Die ganze Familie sei fussballverrückt gewesen. Mit 14 kam sie über zwei Kolleginnen nach Zürich, wo Sparta Spielerinnen suchte. Die beiden anderen hörten gleich wieder auf, sie blieb.
Weiter ging es zu den Young Fellows und später zum DFC Zürich – dem Damen-Fussball-Club Zürich, der 1968 als allererster Frauenfussballclub der Schweiz gegründet wurde und heute zu den FCZ Frauen gehört. Dort stand Lisa Thalmann, wie sie damals hiess, in der Startformation, als Libero à la Franz Beckenbauer. Für die jüngeren Leserinnen und Leser: Der Libero war der zentrale Abwehrspieler, der ohne festen Gegenspieler agierte und die ganze Hintermannschaft absicherte. «Ich war flexibel in der Verteidigung. Vorstopper, Aussenverteidiger, je nachdem.»
Team Young Fellows Frauen, um 1970: Lisa Litschi, damals noch Thalmann (obere Reihe, Zweite von rechts). Bild: FCZ-Museum
Rotwein im Zug, Militärpolizei im Restaurant
Was ihr aus dieser Zeit geblieben ist, sind die Reisen ins Ausland. 1971 ging es für zwei Wochen in die Tschechoslowakei, mitten in der Zeit der sowjetischen Besatzung. Militärparaden, Militärpolizei, die ins Restaurant kam, während die Mannschaft gemeinsam ass. «Das war alles surreal für uns und ein Schock.»
Gereist wurde aus Kostengründen stundenlang mit dem Zug. Und dabei sei auch der eine oder andere Rotwein leergetrunken worden. «Ja, das darf man sagen. Wir hatten ja sonst nicht viel zu tun.» Bei einer dieser Fahrten blieb wohl ein Fläschchen offen. Gemerkt hat es niemand – bis man in der Kabine die Tasche öffnete und die Trikots voller Rotweinflecken waren. «Wir haben alle laut gelacht. Aber dann mussten wir den Veranstalter um neue Trikots bitten.»
Ins San Paolo statt Ablösesumme
Die grösste Reise führte nach Italien. Zwei Mitspielerinnen wechselten als Profis nach Neapel, Ablösesummen gab es damals keine – also durfte das Team stattdessen im ehrwürdigen Stadio San Paolo gegen Napoli antreten, das heute Stadio Diego Armando Maradona heisst. Vor 10 000 Zuschauern. «Das war unvergesslich. Es ist, wie wenn es gestern stattgefunden hätte.»
Der grösste Höhepunkt kam 1979: der Frauen-Cupfinal. Gegen den FC Spreitenbach ging das Spiel 0:1 verloren. «Schade, aber überhaupt dabei zu sein, war eine riesige Ehre.»
Ob damals alles so rund lief? «Nicht immer», gibt Lisa zu. Von den Männern sei man stetig belächelt worden. «Sexistische Kommentare mussten wir uns anhören, und den Vorwurf, Fussball sei kein Frauensport.»
Von ihrer eigenen Karriere hat sie heute nichts mehr zu Hause. Fotos, Medaillen – alles hat sie dem FCZ-Museum übergeben. «Es soll dort weiterleben.»
Internationales Turnier in Aalen, Juni 1974, Final FC Zürich gegen VfR Neuss 3:0: Lisa Litschi, damals Thalmann (vordere Reihe, Dritte von links). Bild: FCZ-Museum
Master im Schuhebinden
Was sie auf dem Platz gelernt hatte, gab sie später weiter. Angefangen hat sie bei Red Star mit den Kleinsten, damals noch Pämpers genannt. Am liebsten hatte sie die E-Junioren. «Da kannst du schon etwas machen, und sie hören noch zu.» Bei den F-Junioren habe sie vor allem eines gelernt: «Du hast den Master im Schuhebinden gemacht.» Geblieben sind ihr nicht die Siege, sondern das Vertrauen der Kinder: «Sie kommen zu dir und erzählen dir Sachen aus der Schule.»
Als eine der wenigen Trainerinnen hatte sie es am Anfang nicht einfach. Der Verein habe immer hinter ihr gestanden, aber manche Väter hätten gerne ihren Senf dazugegeben. Einmal trainierten sie und René parallel je ein F-Team. Seine Antwort auf die Zweifel, erzählt Lisa: Meine Frau kann das genauso gut wie ich.
Möglich war das alles auch dank ihres Arbeitgebers. 43 Jahre war Lisa Litschi bei der UBS, bis zur Pension. Dreimal pro Woche musste sie um vier Uhr nachmittags gehen, und ihr Teamchef liess sie. «Da hatte ich echt einen Glücksfall mit ihm.» Umgekehrt nahm sie einiges vom Platz mit ins Büro. «Früher war ich nicht so selbstbewusst. Als Trainerin musst du vor die Mannschaft hinstehen.»
Heute ist sie im Vorstand als Assistentin aufgeführt, und damit ist sie nicht einverstanden. Sie sagt lachend: «Assistentin ist das falsche Wort. Ich schreibe einfach das Protokoll.»
Seine Fehler zugeben
Für die Fotos gehen wir hinaus auf den Kunstrasenplatz AW3. Lisa Litschi blickt über das Feld. «Ich bin froh, stehe ich nicht mehr auf dem Platz und an der Seitenlinie», sagt sie. «Das machen jetzt andere.»
Und was gibt sie diesen anderen mit auf den Weg? «Geduldig sein, altersgerecht kommunizieren, klar und deutlich. Und ein Vorbild sein, auf und neben dem Platz.»
Dann fügt sie etwas an, wofür sie selbst Zeit brauchte: «Zugeben, wenn man einen Fehler gemacht hat. Wenn die Spieler sehen, dass auch der Trainer Fehler macht, trauen sie sich eher, etwas auszuprobieren.»
Entweder-oder-Fragen an Lisa
Sitzung oder Spielfeldrand?
«Spielfeldrand»
Ein Kind, das alles fragt, oder eines, das nie etwas sagt?
«Ein Kind, das alles fragt»
Die Erste auf dem Platz oder die Letzte, die geht?
«Eigentlich beides. Als Trainerin bist du die Erste und die Letzte.»
Nachricht schreiben oder anrufen?
«Nachricht. Ich telefoniere nicht gerne.»
Mourinho oder Guardiola?
«Guardiola»
FCZ oder GC?
«FCZ. Ich doch klar.»
Wurst vom Grill oder Schnitzelbrot?
«Grill. Da hat Bruno Freude.»
Sieg im Quartierderby gegen Wiedikon oder Tunnelderby gegen Wettswil-Bonstetten?
«Wiedikon»
Die Stafette
Jede Person gibt am Schluss an die nächste aus dem Verein weiter und darf ihr eine Frage stellen. Lisa Litschi übergibt an Bernhard Seiz. Ihre Frage: «Was hat dich all die Jahre motiviert, Red Star treu zu bleiben?» Die Antwort folgt im nächsten Porträt.


