Von der Bank zur Binde

Nicolas Luginbühl (27) war Schweizer Meister mit den B-Junioren und ist heute Captain der zweiten Mannschaft. Er weiss, was den Jungen heute oft fehlt. Und dass ihn niemand beim Vornamen nennt, hat mit einem Rübchen zu tun.

Eigentlich hätte man sich um 17.30 Uhr treffen wollen, damit vor dem Training, das um 19 Uhr beginnt, genügend Zeit bleibt. Doch die Antwort auf Whatsapp kam prompt: «Ah, so früeh.» Gut, dann halt um 18.15 Uhr.

Und jetzt kommt Nicolas Luginbühl auf die Minute genau, mit schnellen Schritten: weisses Langarmhemd, dunkelblaue Hose, weisse Sneakers. Die Kanzlei ist ihm noch anzusehen, der Fussballplatz noch nicht. Der 27-Jährige ist Innenverteidiger, spielt seit mehr als 12 Jahren bei Red Star, davon über 9 in der zweiten Mannschaft, und ist seit einigen Saisons auch Captain.

Ein Spitzname als Revanche

Auf dem Platz ruft ihn niemand Nicolas. Entstanden ist das mit 13, 14 Jahren, noch beim FCZ, aus einer Hänselei heraus: Luginbühl hatte einen Mitspieler «Ruben Rübchen» genannt. Der revanchierte sich, suchte etwas Passendes und wurde beim Nachnamen fündig – «Luginbrezel».

Den Weg auf die Allmend fand der Spitzname über einen Mitspieler, der ebenfalls vom FCZ zu Red Star kam. «So hat es sich dann etabliert», sagt Nicolas. Über die Jahre kamen weitere dazu: Lugi, Blätz und Bretzel. Stört es ihn, wenn ihn ein 19-Jähriger so nennt? Er winkt ab. Auch die würden mit der Zeit zu ihren Spitznamen kommen, sagt der Captain mit einem Zwinkern.

Panini-Heft weckt Erinnerung

Zu Red Star kam Nicolas nicht aus Liebe zum Club, sondern weil es der Zufall so wollte: Sein Stammverein ist Thalwil, danach war er drei Jahre beim FCZ. Als es dort nicht mehr weiterging, schlug man ihm den Partnerverein Red Star vor. «Ich bin nicht wie andere seit den Jüngsten hier. Aber im Nachhinein bin ich froh, bei Red Star gelandet zu sein», sagt er.

Dann kam die Saison, über die heute noch geredet wird: Unter Trainer Sergio Dias und Co-Trainer Dimitri Weber, wurde er mit den B-Junioren Schweizer Meister. Er erinnert sich an die Spiele in Bern und an das Finale, das man 1:0 gegen Lugano gewann. Und vor allem an das Spiel gegen Schwamendingen, in dem es um die Meisteracht in der Zürcher Coca-Cola-League ging (heute Youth League, Anm. d. Red.) – entschieden durch ein spätes Tor in der 90. Minute. «Ein brutales Spiel. Wir haben ein, zwei Mal geschwitzt und gezittert.» Beim Umzug von Thalwil in die Stadt fand er das Panini-Heft mit der ganzen Mannschaft wieder. «Diese Saison werde ich nie vergessen.»

«Die Technik konnte ich leider nicht verbessern.»

Was den Jungen heute fehlt

Der Sprung zu den Aktiven war weniger vergnüglich. «Ein grosser Lernprozess, auch kein immer erfreulicher.» Auf der Bank sitzen und zuschauen gehörte dazu. Geblieben ist er trotzdem. Heute trägt er die Binde.

Jedes Jahr rücken junge Spieler aus den Junioren nach, mehr als damals bei ihm. Erfreulich findet er das, auch wenn die Resultate zu Beginn manchmal darunter leiden. Verändert habe sich bei den heutigen jungen Spielern sonst wenig – ausser vielleicht der Anspruch. «Manchmal fehlt den Jungen ein bisschen die Geduld.» Oder die Bereitschaft, erst einmal «hinten anzustehen».

Selbst hat er über die Jahre in Taktik, Kondition und Disziplin einiges gelernt. Nur eines nicht, wie er zugibt: «Die Technik konnte ich leider nicht verbessern.»

Nur fünf Minuten zum Platz

Seit dem Sommer hat sich privat einiges verändert. Nach dem Master arbeitet Nicolas als Substitut in einer Wirtschaftskanzlei an der Hardbrücke, das Jahr, das er fürs Anwaltspatent braucht. Gleichzeitig ist er mit seiner Freundin in die Stadt gezogen, fünf Minuten von der Allmend entfernt. Seine erste Investition: ein Velo. «Das gehöre sich als Stadtbewohner, wurde mir gesagt», sagt er und lacht.

Aus dem Fussball nimmt er einiges mit ins Büro. «Auf dem Fussballplatz habe ich Disziplin gelernt. Der Trainer ist der Chef, im Beruf ist es auch so.» Und: Man arbeite beruflich ohnehin immer im Team.

Hauptsache wieder auf dem Platz

Fussballerisch hat er vor allem einen Wunsch: endlich verletzungsfrei zu bleiben. Seit einer Verletzung hat der Verteidiger 14 Monate nicht mehr gespielt. Entsprechend bescheiden fällt sein Saisonziel aus: «Einfach wieder mal ein Match spielen. Sei es in der Zweiten, sei es in der Dritten.» Für die Mannschaft wünscht er sich eine Saison mit «weniger grauen Haaren», für den Verein eine gesunde Struktur zwischen der Ersten, Zweiten und Dritten Mannschaft.

Dann greift er zur Tasche und läuft Richtung Garderobe. Das Training beginnt gleich.